Frankfurter Rundschau vom 30. März 2004

Mit der Schaufel gegen Vorurteile

Obdachlose und Führungskräfte der Lufthansa arbeiten gemeinsam für den neuen Teestuben-Hinterhof der Diakonie
VON DIRK ROSING

Die Teestube an der Dotzheimer Straße hat einen neu gestalteten Hinterhof. Dafür haben Obdachlose gemeinsam mit Managern der Lufthansa zu Hacke und Spaten gegriffen. Für die Führungskräfte war die Baustelle eine Art Selbsterfahrungsseminar.
WIESBADEN' 29, MÄRZ' Normalerweise kümmert sich Michael Knauf um das Asien- und Pazifik-Geschäft der Lufthansa. Als General-Manager ist er von seinem Büro in Singapur aus für die Personal-organisation zuständig, "Mein Wort hat Gewicht", sagt er. Im Moment sei er jedoch "nur eine Stimme von vielen",

Sozialhilfeempfänger und Berber

Statt am Schreibtisch seine Arbeit zu erledigen, übt Knauf gerade einen handfesten Job aus. Er schleppt Steine, schaufelt Splitt und verlegt Pflasterplatten. Statt Anzug und Krawatte trägt Manager Knauf feste Schuhe, Jeans und eine dicke Jacke. Dass er nun draußen in der Kälte "einen Knochenjob" verrichten muss, stört ihn nicht. Im Gegenteil: "Ich habe hier eine Menge gelernt."
Hier. Das ist der Hof hinter der 'Teestube an der Dotzheimer Straße. In der Einrichtung des Diakonischen Werks verkehren Menschen, mit denen Michael Knauf normalerweise keinen Umgang hat - Obdachlose, Sozialhilfeempfänger, "Berber", Und gerade darum sind Knauf und rund zehn weitere Führungskräfte der Lufthansa nach Wiesbaden gekommen. Sie sollen den Hinterhofneu gestalten - und zwar gemeinsam mit den Leuten von der Teestube.Die Aktion ist Teil eines Projekts der Lufthansa. "Unsere Führungskräfte sollen sich hier in für sie ungewohnten Situationen ausprobieren, Grenz-erfahrungen machen und weitere soziale Kompeten-zen erlernen", erklärt Rose Lipkau, leitende Referentin für Personalentwicklung bei der Lufthansa. Auf soziale Kompetenzen legt der Konzern besonderen Wert. Die Manager, die aus den USA, Russland und Singapur angereist sind, können bei den Bauarbeiten ihre Konflikt- und Teamfähigkeit verbessern. Und durch den Kontakt zu den Wohnungslosen haben sie laut Lipkau die Gelegenheit, mentale Modelle aufzu-brechen".Bei Michael Knauf zeigt sich schon eine Wirkung: "Bevor ich herkam, dachte ich nur an eine Gruppe Obdachloser, und ich hatte Vorurteile," Nach drei Tagen gemeinsamem Schaufeln und den Gesprächen, die dabei geführt worden seien, habe er nun erkannt, welche "wunderbaren Charaktere und Fähigkeiten diese Leute haben können". In Zukunft werde er sicher eine andere Einstellung haben, wenn er auf Berber treffe. Die gemeinsame Arbeit, der lockere Umgangs-ton und das Ziel, etwas Handfestes zu schaffen, habe zu sehr guten Beziehungen in der ganzen Arbeitertruppe geführt.

Sofort per Du

Das bestätigt auch Bernd Hruschka, Er gehört zu den Leuten von der Teestube. "Über die Zusammenarbeit haben wir alle zusammengefunden", sagt er. Alle Arbeiter seien direkt per Du gewesen, "Und keiner der Lufthansaleute hat den Manager raushängen lassen." Dass der Flugkonzern seine Führungskräfte ausgerechnet in der Teestube zu mehr sozialer Kompetenz führt, ist eher ein Zufall. Den Kontakt hat die Wiesbadenerin Karin Locker hergestellt. Sie ist Flugbegleiterin bei Lufthansa und engagiert sich privat in der hiesigen Bonifatius-Gemeinde. Nach dem Umzug der Teestube in die Dotzheimer Straße hat sie ein Gespräch mit dem Einrichtungsleiter Mathias Röhrig geführt. "Ich dachte, die Teestube könnte noch Einrichtungsgegenstände gebrauchen und habe angeboten, bei meinem Arbeitergeber um eine Geldspende zu bitten", sagt Locker. Das Unternehmen unterstützt im Rahmen seiner Aktion "Wir für Rhein-Main" Schulen und soziale Einrichtungen in der Region, Lockers Anfrage ist von der Personalentwicklung aufgegriffen worden. Und statt Geld hat der Konzern Arbeitskräfte geschickt, Insgesamt 31 Lufthanseat en aus unterschiedlichen Ländern haben an der Hofsanierung teilgenommen. Jeweils für fünf Tage sind sie gruppenweise nach Wiesbaden gekommen, um mit anzupacken. Neben der eigentlichen Arbeit gab es jeweils einen Vor- und eine Nachbereitungstag, um die Ziele und Erfahrungen zu reflektieren. Volker Arndt hat das Projekt und die Teilnehmer pädagogisch begleitet. Sein Fazit: ,.Am Anfang hat es von beiden Seiten Vorurteile und Berührungsängste gegeben, die aber nach kurzer Zeit verschwunden sind."


Fuldaer Zeitung, Ausgabe 11. Mai 2004

Lufthansa-Manager brachten zusammen mit Betroffenen den Hinterhof eines Wiesbadener Obdachlosenasyls auf Vordermann

"Eintauchen in eine andere Welt"

Moderne Managerseminare gehen oft bis an die Grenze: Drei Tage nur mit Zelt und Taschenmesser in der Wildnis, eine Floßfahrt auf einem ungezähmten Alpenbach, waghalsige Mutproben im Klettergarten - das schweißt eine Gruppe zusammen.
Doch es geht auch weniger spektakulär - aber dabei genauso effektiv und obendrein auch noch gesellschaftlich wertvoll: Das bewies ein Team von Lufthansa-Managern, die an drei Wochenenden den Hinterhof eines Wiesbadener Obdachlosen-Asyls gemeinsam mit den "Kunden" der Diakonie-Einrichtung rundum saniert hat.

Die Idee zu dem ungewöhnlichen Projekt kam aus Fulda: Die Unternehmensberatung Neulands ProcessOne (früher: AddVenture) gab in Zusammenarbeit mit der Lufthansa-Abteilung Personalentwicklung den Anstoß und sorgte mit ihren Mitarbeitern Volker Arndt und Sandra Eisenmann vor Ort für ein Arbeits- und Gesprächsklima, das bei allen Beteiligten starke und bleibende Eindrücke hinterlassen hat.

Vorbehalte und Vorurteile

Bei Thomas Gesing etwa, im Normalberuf Lufthansa-Abteilungsleiter "Customer Care" und dort für das Programm Miles&More zuständig, der während der Tage auf dem Hinterhof der Diakonie-Teestube nach eigenem Bekunden "völlig in eine andere Welt eingetaucht" ist. Er hatte sich wie alle seiner 32 beteiligten Kollegen aus dem mittleren Management des Luftfahrtkonzerns freiwillig zu dem Projekt gemeldet und dafür Urlaub geopfert. Er hat es nicht bereut: "Natürlich hat man dabei auch Netzwerk-Kontakte zu Kollegen geknüpft - aber entscheidend war die Begegnung mit den Obdachlosen. Man wird dadurch sensibler für das, was wirklich wichtig ist im Leben."

Erkenntnisse wie diese gehören zu den beabsichtigten zentralen Zielen innerhalb des Trainigskonzepts unter dem Schlagwort "Corporate Citizenship", dessen Ursprünge - wie so viele Methoden der Managementschulung - in den USA zu finden sind, erläutert ProcessOne- Vorstand Arndt.

Die Kontaktaufnahme zu den täglich rund 100 Besuchern der Teestube hatten sich die Managerinnen und Manager vorher schwierig vorgestellt, doch dann ergab sich alles ganz spontan: Bei der Arbeit Hand in Hand beim Pflastern, Zäunestreichen oder Holzzuschneiden war auf beiden Seiten das Eis bald gebrochen.

Das bestätigt auch Matthias Röhrig, der Leiter der DiakonieTeestube, die seit gut einem Jahr ihr Domizil in der Dotzheimer Straße hat. "Sicher gab es bei unseren Leuten anfangs Bedenken und Vorurteile nach dem Motto: Hoffentlich können die Manager überhaupt eine Schippe halten, ohne gleich Blasen an den Fingern zu kriegen." Doch diese Sorgen legten sich schnell. An den drei Wochenenden im März bewegten die Lufthanseaten zusammen mit ihren Helfern aus der Teestube insgesamt 260 Tonnen Material.
Die alte Teerdecke und triste Platten des Hinterhofs wurden entfernt und durch fachgerecht verlegtes Pflaster ersetzt, aufgelockert durch neu angelegte Grünstreifen und Sitzecken, auch ein Baum wurde gepflanzt. Fachlich und logistisch unterstützt wurden die Hinterhof-Sanierer durch einen Gartenbaubetrieb aus dem Rhein-Main-Gebiet. Dessen Chef Clemens Wölfel war am Ende von dem Projekt so begeistert, dass er Stunde um Stunde seine eigene Freizeit opferte, um mit Rat und Tat bereit zu stehen. Ein nützlicher Nebeneffekt: Bei der Arbeit hat er Kontakte zu einigen der Teestuben-Besuchern geknüpft und versucht nun, ihnen einen Job in seinem Betrieb zu verschaffen.

Entstanden ist hinter der Diakonie-Teestube und der angegliederten Holzwerkstatt ein ebenso schmucker wie praktischer Hof, auf dem reger Betrieb herrscht. Ein Platz zum Entspannen, Unterhalten oder auch zum Feste feiern - denn" wo kann ein Wohnungsloser sonst mal seinen Geburtstag feiern?", fragt der Sozialarbeiter Röhrig. Bei denen, die mitgeholfen haben, sei eine enge emotionale Beziehung zu dem Hof entstanden. "Wenn da jemand achtlos eine Kippe wegwirft, wird er sofort zurechtgewiesen", erzählt Röhrig nicht ohne Stolz.

Bewegende Schicksale

Auch Gesing hat beobachtet, wie einige der Wohnungslosen und sozial Ausgegrenzten durch das Projekt neuen Lebensmut geschöpft haben: "Für einige war es wie Weihnachten und Ostern zusammen, dass sie endlich einmal zeigen konnten, dass sie noch etwas leisten können." Doch auch für die Manager habe diese Grenzerfahrung der besonderen Art den Wahrnehmungshorizont erweitert: "Die Schicksale haben mich beeindruckt. Die tiefe Resignation einiger genauso wie der unerschütterliche Optimismus anderer. Auch die Lebensgeschichten - wie rasant schnell man in eine solche Abwärtsspirale aus Arbeitslosigkeit, Alkohol und Eheproblemen hineingeraten kann."

Wenn sich Menschen derart nahe kommen, ist es kein Wunder, dass es beim Abschied da und dort ein Tränchen verdrückt wurde. Bei einem kleinen Fest auf dem frisch sanierten Hof wurden Telefonnummern getauscht, und die Teestuben-Leute brachten ihren Dank in gereimter Form zum Ausdruck ("Unser Hof kann sich mi'm Kurpark ja fast messen, drum werden wir Euch sicher nicht vergessen"). Ein "Folgeprojekt" ergab sich spontan: Am 17. Mai besucht eine Gruppe aus der Teestube ihre neuen Bekannten in deren Berufsalltag - für sie wurde eine Spezialführung auf dem Frankfurter Flughafen organisiert.


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